Friede auf Erden?

Glaubenssache von Superintendentin Sabine Preuschoff

Heinrich Vogeler (1872–1942). “Verkündigung an die Hirten”, 1902. Worpswede, Haus im Schluh. Foto: akg-images
Heinrich Vogeler (1872–1942). “Verkündigung an die Hirten”, 1902. Worpswede, Haus im Schluh. Foto: akg-images

Endlich ist es so weit: die Kinder, die ungeduldig auf Geheimnisse, Tradition und Geschenke warten, werden von der Warterei erlöst. Die Erwachsenen, die noch mühsam alle Vorbereitungen getroffen haben, können entspannen. Ziel erreicht: Weihnachten ist da und bedeckt alles mit einem gnädigen Schleier der Glücksseligkeit. Der Engel verkündet: Friede auf Erden!

Doch man muss ignorant sein, wenn dieses Sehnsuchtsbild nicht augenblicklich Risse bekommt. – Friede auf Erden?

Wie hören das die Menschen in der Ukraine, die nun schon bald zwei Jahre unter dem brutalen Angriffskrieg Russlands leiden – und wenn man die völkerrechtswidrige Besetzung der Krim dazu nimmt, sogar noch viel länger?! – Friede auf Erden?

Wie hören das die Jüdinnen und Juden in Israel, die seit dem menschenverachtenden Angriff der Hamas-Terroristen am 7. Oktober ihre Existenz bedroht sehen, um Angehörige bangen, traumatisiert sind von den unfassbar grausamen Untaten der Hamas? Und die jüdischen Bürgerinnen und Bürger in unserem Land, die seitdem auch hier in Deutschland in Angst leben und sich nicht mehr trauen sichtbar zu sein? In der Weihnachtszeit auf diese Gegend der Welt zu sehen und dabei feststellen zu müssen, dass gar nichts von dem Frieden der Weihnachtsbotschaft zu erkennen ist, ist bitter. – Friede auf Erden?

Wie hören das Menschen, deren Herz in Unruhe ist, weil sie todkrank sind und sich darum sorgen, ihre Lieben hier allein zurückzulassen? Und wie hören es jene, die zurückbleiben werden und keinen Frieden finden mit dem kommenden Abschied? – Friede auf Erden?

Alles das, alle Erfahrung von Friedlosigkeit bewegt mich, nehme ich mit in den Gottesdienst. Nein, ich werde nicht den Versuch machen, es im Kerzenlicht von Weihnachten und im Klang von Glocken und Engelchören zu ertränken. Sondern ich halte all das Gott hin: „Gott, du verheißt uns Friede auf Erden. Aber was soll ich mit all dem machen? Das passt doch nicht zusammen? Wo bist du, Gott?“

Nein, Gott ist nicht bei den Despoten und Terroristen, die behaupten, dass Gottes Hand sie führt, wenn sie Menschen unterdrücken, vergewaltigen, foltern und morden. Das glaube ich nicht.

Ich höre Gott: „Ich bin genau da. Wer mich sucht, muss nach unten schauen! Dort werdet ihr mich finden.“ Gott kommt in die Welt. Und die ist friedlos. Und oft grausam. Zerrissen. Genau da ist Gott zu finden. Heruntergekommen. Verletzlich – wie diese Welt. Und damit den Menschen in ihrer Not ganz nah.

Vielleicht ist es gut, gerade jetzt die Weihnachtsbotschaft zu hören. Sie kam damals in eine Welt, die keinen Frieden erahnen ließ. Sie muss schlicht geglaubt werden – trotz aller Widersprüche.

So will ich auch heute der Botschaft glauben. Auch wenn ich wenig von ihr in dieser Welt erkenne. Aber dann wäre es ja auch Wissen – und nicht Glauben und Vertrauen und Hoffen. Es gibt einen, der Frieden schaffen will. Der sich um den Frieden sorgt. Dem es nicht egal ist, wie es zugeht.

Ihm glaube ich. Und vertraue auf seine Verheißung: „Friede auf Erden!“

 

Superintendentin Sabine Preuschoff. Foto: Dethard Hilbig
Superintendentin Sabine Preuschoff. Foto: D. Hilbig

Gesegnete Weihnachten!

Sabine Preuschoff
Superintendentin des Ev.-luth. Kirchenkreises Burgdorf

„Glaubenssache - Beiträge und Texte aus Kirche und Religion“ erscheint als Kolumne jeweils sonnabends im Marktspiegel für Burgdorf und Uetze, sowie im Marktspiegel für Lehrte und Sehnde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den Kirchen schreiben Beiträge aus ihren Kirchengemeinden, Einrichtungen und Arbeitsfeldern, von ihren Erfahrungen und zu dem, was sie gerade beschäftigt.

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