Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

(Kommentare: 3)

11. Dezember

Maria und Josef bleiben

Herzlich willkommen zum 11. Türchen des Adventskalenders sagt die Flüchtlingshilfe Sehnde e.V.
Herzlich willkommen zum 11. Türchen des Adventskalenders sagt die Flüchtlingshilfe Sehnde e.V.

Von einem beängstigenden, ja, nahezu existenzerschütternden Auszug war bei Türchen Nummer 11 die Rede: Nachdem ein wilder, brauner Mob durch Deutschlands Gassen gefegt war und deutlich gefordert hatte „Ausländer raus!“ und „Deutschland den Deutschen“, machten sich auch Marzipan, Kakao, Schokolade und Kaffee in einer finsteren Dezembernacht auf in ihre Heimatländer, denn sie waren alles andere als Deutsch. Ihnen folgten Ananas, Mandarinen, Bananen, Feigen und Datteln. Selbst Pfefferkuchen, Spekulatius und Zimtsterne wurden von der Wanderlust ergriffen, denn die Gewürze in ihrem Innern wollten zurück in ihre exotischen Heimatländer.

Weinend flüsterte der Dresdner Christstollen „Mischlingen wie mir geht es besonders an den Kragen“ und verschwand zusammen mit dem Nürnberger Lebkuchen aus dem Land, in dem nicht mehr die Qualität, sondern nur noch die Herkunft zählte. Die ganze unglückliche Nacht dauerte er noch an, der Exodus der „Ausländer“. Japanische Autos, vollgestopft mit Optik und Unterhaltungselektronik, krochen in langen Schlangen gen Osten. Am Himmel flatterten neben Polnischen und Ungarischen Weihnachtsgänsen auch Seidenhemden aus Asien und Orientteppiche ihrer ursprünglichen Heimat entgegen. Tropische Hölzer trieben auf Öl und Benzin über die Landesgrenze und selbst deutsche Autos lösten sich auf, als ihre Bestandteile den Ländern entgegenstrebten, aus denen sie stammten.

Rechtzeitig zu Weihnachten war der Spuk vorbei und es befand sich nichts Ausländisches mehr in Deutschland. Aber es gab ja für stimmungsvolle Weihnachten noch genügend Tannenbäume und Äpfel und Nüsse. „Stille Nacht“ durfte noch gesungen werden – allerdings nur mit Sondergenehmigung, denn das Weihnachtslied kam aus Österreich. Nur drei Juden waren in Deutschland geblieben – ausgerechnet… Maria, Josef und das Jesuskind. „Wir bleiben“, sagte Maria, „wenn wir dieses Land auch noch verlassen, wer will – ja, wer kann den Leuten hier dann noch den Weg zurück zeigen, den Weg zurück zu Toleranz und Menschlichkeit?“

Mit dieser „etwas anderen Weihnachtsgeschichte“, die Ortsbürgermeister Matthias Jäntsch aus Rethmar im Internet gefunden hatte, unterhielt er zusammen mit seiner Frau Karin, Ortrud Mall, und Maria-Luisa Myrach die Gäste von Türchen Nr. 11, das von den Aktiven der Flüchtlingshilfe Sehnde e.V. am Alten Iltener Rathaus ausgerichtet wurde. Wer wollte, konnte sich im Anschluss an diesen doch sehr nachdenklich stimmenden Beitrag bei heißem Punsch oder Tee und köstlichem Gebäck – wahlweise süß oder herzhaft – im Gespräch mit Deutschen und ausländischstämmigen Iltenern austauschen.

Auch die Kinder unterhielten sich prächtig. Während einige aus den letzten Schneeresten einen netten kleinen Schneemann zusammenbauten, andere in Schmelzwasserpfützen die Alltagstauglichkeit ihrer Winterstiefel testeten und anschließend von entnervten Eltern nach Hause gefahren werden mussten, entdeckte der kleine Tom auf dem Weihnachtsdeko-Tauschtisch einen wunderbar leuchtenden Tannenbaum, der in verschiedensten Farben erstrahlen kann. Den tauschte er voller Begeisterung gegen eine silberne Tannenzapfen-Kerze ein, die er mitgebracht hatte.

Showact des Abends war der junge Kurde Dijar, der auf seinem Tambour – einem gitarrenähnlichen Saiteninstrument – traditionelle syrische Weisen spielte.

Auch der gemeinsame Gesang kam an diesem Montagstürchen nicht zu kurz. „Wir haben lange gesucht, um ein „wertneutrales“ Lied zu finden“, meinte die Koordinatorin des Flüchtlingshilfe-Vereines Maria Myrach und teilte Liedblätter mit dem alten weihnachtlichen „Gassenhauer“ „O Tannenbaum“ aus. Liebe Maria, hättest Du vorher nachgefragt, hättet Ihr Euch die Suche sparen können. Schon unser Lebendiger Adventskalender ist alles andere als wertneutral. Die Menschen, die hier mitmachen, legen großen Wert darauf, authentisch zu bleiben und sich auch ausländischen Mitbürgern mit all ihrem traditionellen und religiösen Hintergrund zu zeigen. Und die Flüchtlinge?

Sie sind nicht befremdet über uns evangelische, katholische oder freikirchliche Christen oder über Deutsche, die nicht glauben. Neugierig beobachten sie uns – beim Singen, beim Beten, beim Umgang miteinander und mit Fremden. Sie besuchen unsere Gottesdienste, ergreifen in Andachten sogar das Wort. Im Gegenzug lassen uns Muslime und Jesiden auch an ihrem Glauben teilhaben, beantworten geduldig unsere Fragen – manchmal nicht, ohne vorher von Herzen darüber gelacht zu haben. Weder wir noch die Flüchtlinge wollen anfangen, uns zu verbiegen. Authentisch sein ist die beste Voraussetzung zur Integration. Wer seine Wurzeln kennt, akzeptiert und reflektiert ist offen für den in Eurer „etwas anderen Weihnachtsgeschichte“ erwähnten Weg zu Toleranz und Menschlichkeit. Lasst uns im nächsten Jahr bei Eurem Türchen also gerne „Kommet, ihr Hirten“ oder „Es ist ein Ros entsprungen“ singen, das passt schon. Vielen Dank Euch allen für dieses bunte, unterhaltsame und von erfreulichem Miteinander geprägte Türchen!

Heige Kienle

Weihnachtslied der Klasse 4G der Schule "L.Einaudi" in Foggia / Italien

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Kommentar von Klasse 4G aus Foggia |

Hallo,
wir sind die Schüler der 4G der Schule "L.Einaudi" in Foggia. Wir denken, dass die Geschichte sehr aktuell ist. Wir fanden sie interessant, da in Italien viele Ausländer wohnen.
Da euch andere Kulturen gefallen, wollen wir euch ein italienisches Weihnachtslied zeigen - seht oben ...

Kommentar von Silke |

Ein aufwendig vorbereitetes Türchen mit tollem selbstgemachten Kinderpunsch, "Leckereien auch aus fernen Ländern" und einer berührenden Geschichte, die man gerne noch mal weitererzählt, denn selten macht man sich bewußt, wie sehr wir von anderen Ländern und Leuten profitieren. Was wäre Weihnachten, wenn es nur deutsch wäre? Kalt und ungemütlich bzw. gäbe es dann Weihnachten dann überhaupt?

Kommentar von Christiane |

Der Punsch, megalecker, die bunte Vielfalt der kleinen Köstlichkeiten, megalecker! (Also, mir hatte es besonders dieser Walnusskuchen angetan....;-)) Und natürlich auch inhaltlich ein ganz besonderes Türchen! Die vorgetragene Geschichte sprach uns allen aus dem Herzen! Schade nur, dass in diesem unseren Zuhörerkreis offene Türen eingerannt werden, denn die, die sich eigentlich die Geschichte mal zu Gemüte führen sollten,sind wohl ganz sicher auf dem Ohr taub....Nichtsdestoweniger ein tolles Türchen, danke an alle fleißigen Beteiligten!