Kurdische und arabische Weihnachten

(Kommentare: 6)

13. Dezember

Herzlich willkommen zum 13. Türchen sagen Familie Aicho/Mohammad und Familie Nesser. Fotocollage Heige Kienle
Herzlich willkommen zum 13. Türchen sagen Familie Aicho/Mohammad und Familie Nesser. Fotocollage Heige Kienle

Als Ezeldin Mohammad und seine Frau Nihal Aicho irgendwann im Spätsommer dieses Jahres gefragt wurden, ob sie sich vorstellen könnten, auch ein Türchen beim Lebendigen Adventskalender für die Iltener zu öffnen, fragten sie, mit wie vielen Besuchern sie wohl dann zu rechnen hätten. „Naja, es könnten schon so um die 50 bis 60 Leute werden“, bekamen sie von unserem Organisations-Team zur Antwort. Da schauten sich die beiden an, besprachen kurz etwas auf Kurdisch, grinsten dann und meinten: „Ja, klar, kein Problem, das machen wir, das wird spannend.“

Wir haben keine Ahnung, ob die beiden aus Syrien stammenden Iltener schon damals geahnt hatten, dass die von uns genannte, zu erwartende Besucherzahl bei ihrem Türchen mindestens zu verdoppeln sein würde und ob sie sich zugeraunt hatten, dass sie auch das locker wuppen könnten. Fest steht, dass sich der Hof und die leer geräumte Doppelgarage der Mohammads schon um kurz nach 18 Uhr beständig füllte und dass die Gastgeber auf alles vorbereitet waren. Um den Feuerkorb herum wärmten sich Neuankömmlinge die klammen Hände, geschäftige Menschen eilten zwischen Küche und Buffet in der Garage hin und her, um die letzten Köstlichkeiten herbeizubringen, und heiße Flüssigkeiten aller Art blubberten auf ihren Warmhalteplatten vor sich hin und verströmten verheißungsvolle Düfte. Kurz nach halb sieben eröffneten die Gastgeber zusammen mit ihren Nachbarn, der Familie Nesser, das Türchen Nummer 13. Nach dem Adventskalender-Kanon ergriff Christian Nesser das Wort, begrüßte die weit über einhundert Gäste und betonte, wie wichtig es sei, dass sich gerade jetzt, in der von Kriegen und schweren Unruhen gebeutelten Zeit, immer wieder Menschen unterschiedlichster Nationalitäten und Religionen treffen, um sich kennenzulernen und durch ihre Gemeinschaft ein Zeichen des Friedens zu setzen. Nesser, ein ägyptischstämmiger Christ, pflegt mit seiner Frau Vanessa und dem kleinen Sohn Jonas ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu seinen muslimischen Nachbarn. Alle sind engagiert in der Flüchtlingshilfe und tun in Ilten und Umgebung das Ihre dazu, damit der Dialog zwischen Deutschen und Asylsuchenden am Laufen bleibt.

Nach Christian Nessers Begrüßung bekam die neunjährige Evrin Mohammad von ihrem Papa drei Blätter in die Hand gedrückt und dann las sie den Besuchern vor, wie die Geschichte von Jesu Geburt im Koran dargestellt wird und warum es auch für gläubige Muslime kein Problem darstellt, mit Christen Weihnachten zu feiern. Viele Gäste von Türchen Nummer 13 wollten nach Evrins Vortrag eine Abschrift desselben haben. Daher werden wir das, was die Kleine so flüssig vorgelesen hat, hier in den Anhang stellen.

Nach lautem Applaus für die wackere Leserin luden Nihal Aicho und Vanessa Nesser alle Anwesenden ein, sich zu stärken. Die in der Garage aufgebauten Tische bogen sich unter der Last der unterschiedlichsten Köstlichkeiten aus Nahost und überall sah man Adventskalender-Besucher mit gefüllten Tellern, Schalen und Bechern. „Das duftet ja ganz wunderbar“, sagte eine Besucherin, als ihr Christian Nesser eine Tasse mit einer dicken, weißen Flüssigkeit in die Hand drückte. Sie wurde aufgeklärt, dass sie hier ein orientalisches Heißgetränk namens „Sahlab“ verkostete, das unter anderem aus Milch, Gewürzen und Nüssen besteht. Nicht nur bei ihr, sondern auch bei etlichen anderen Gästen kam das Sahlab so gut an, dass sie Nihal Aicho um das Rezept baten.

Obwohl das Wetter recht ungemütlich war, unterhielten sich die Gäste, die ihre Wurzeln nicht nur in Deutschland, sondern auch im Irak, in der Türkei, in Syrien und in Nordafrika hatten, ganz blendend. Kamiran Bakr, ein Musiker, den Ezeldin Mohammad extra eingeladen hatte, spielte den Anwesenden mit Stücken auf seinem Tambour auf. Tambour oder auch Saz ist ein Lauteninstrument, das in der Musik der Kurden eine wichtige Rolle innehat. Schließlich hielt es Mohamed Kadro, einen jungen Kurden, nicht mehr in der Garage. Er schnappte sich seine Frau Ofeh, eilte hinaus in den Nieselregen und begann auf dem Hof von Ezeldin und Nihal zu tanzen. Schnell kamen andere Kurden hinzu und es dauerte nicht lange, bis sich die ersten Iltener und Bilmer trauten, ebenfalls das Tanzbein zu schwingen. „Ich finde es große Klasse, was ihr beim Lebendigen Adventskalender veranstaltet“, meinte ein älterer Herr, der das bunte Treiben schmunzelnd beobachtete. „Ich möchte mich besonders für heute Abend bedanken, weil ihr es möglich gemacht habt, dass sich hier so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern und mit unterschiedlichem Glauben treffen und zusammen eine schöne Zeit verbringen können.“ Wir geben dieses Dankeschön an dieser Stelle gerne an die Familien Mohammad-Aicho und Nesser weiter.

Und hier nun der Text, den Evrin Mohammad vorgelesen hat:
„Jedes Jahr im Advent machen sich viele Christen auf den Weg, um einen Geburtstag zu feiern: Den Geburtstag von Jesus Christus, ihres Herrn. Den Geburtstag von Jesus, dem Sohn Gottes. Genau wie Maria und Josef bereiten sie sich auf die Ankunft des Kindes vor. Nicht durch eine lange, beschwerliche Reise, wie sie in der Bibel beschrieben wird. Christen heute putzen und schmücken ihre Häuser und ihre Wohnungen, backen, kochen, besorgen Geschenke und tun vieles mehr, um sich auf die Ankunft Jesu vorzubereiten und um sein Geburtstagsfest zu einem besonderen Ereignis für sich und ihre Familien zu gestalten. Auch unser Lebendiger Adventskalender in Ilten ist ein Weg zum neugeborenen Jesus. In 24 Schritten kommen wir dem Sohn Marias jeden Tag ein wenig näher. Und ganz so, wie Jesus es gewollt hat, gehen wir diesen Weg in Gemeinschaft mit anderen, mit Verwandten, Freunden, Bekannten und mit Fremden, die, jeder auf seine Weise, diesem besonderen Mann begegnen können.

Für viele Muslime ist es kein Problem, Weihnachten gemeinsam mit ihren christlichen Freunden zu feiern. Denn Jesus ist keine Figur, die ausschließlich in der Bibel erwähnt wird. ʿĪsā ibn Maryam, Jesus, der Sohn Marias, hat auch im Koran eine wichtige Rolle und ist bei Muslimen ein hoch angesehener Mann:

Ein Engel, so steht in Sure 19 zu lesen, wurde von Gott zu Maria gesandt und er verkündet ihr, dass sie einen „lauteren Jungen“ gebären werde. Ähnlich wie im Neuen Testament fragt sie: „Wie sollte ich einen Jungen bekommen, wo mich kein Mann berührt hat?“ Und der Engel antwortet: „Dein Herr sagt: ES FÄLLT MIR LEICHT.“ Anders als Christen glauben Muslime jedoch nicht daran, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Jesus hat zwar keinen menschlichen Vater, aber auch keinen göttlichen. Er verdankt sein Leben schlicht einem Wunder Gottes, der alleine durch sein Wort im Leib Marias ein menschliches Wesen schafft. In Sure 3, 47 kann man lesen: „Das ist Gottes Art. Er schafft, was er will. Wenn er eine Sache beschlossen hat, sagt er zu ihr nur: SEI! Dann ist sie.“ Von daher ist der Gottessohn der Christen den Muslimen ein rein menschliches Wesen, das ähnlich wie Adam entstanden ist – alleine durch den Willen und das Wort Gottes.

Als die Schwangerschaft der Jungfrau Maryam auch für ihre Familie und die anderen Menschen um sie herum sichtbar wird, beginnen einige, über sie zu reden und sie der Unkeuschheit zu bezichtigen. Da es im Bericht des Korans keinen Mann an Maryams Seite gibt, der sie vor Beschuldigungen schützen kann, und mit ihr – so wie Josef in der Bibel – in eine ferne Stadt reist, macht sich Maryam alleine auf die Reise in ein anderes Land. In Sure 19 wird beschrieben, dass sich die junge Frau an einen „fernen Ort“ zurückzieht. Näheres wird über die Geburtsstätte Jesu nicht gesagt. Im Islam spielt Bethlehem als Stadt Davids und als Ort der göttlichen Verheißung keine Rolle.

Dafür ist Maria im Koran eine wichtige Frau, ja, sogar die einzige Frau, die in der heiligen Schrift der Muslime namentlich erwähnt wird. Zwar werden auch einige andere Frauen vom Koran im Zusammenhang mit Marias Leben thematisiert, doch räumt das heilige Buch der Muslime keiner Frauengestalt so viel Platz ein wie der Mutter Jesu. Noch deutlicher wird dies, wenn man sich vor Augen hält, dass sogar eine ganze Sure, nämlich die 19., nach Maria benannt ist. Siebzig Verse im Koran erwähnen sie. Damit erscheint ihr Name im Koran häufiger als im Neuen Testament.

Doch zurück zur Geburtsgeschichte Jesu: Die Wehen, so kann man in der Sure 19 lesen, ließen Maryam zu einem dürren Palmenstamm gehen. Sie klammert sich an dem vertrockneten Baum fest, denn sie ist mit ihrem Geburtsschmerz und mit ihrer Verzweiflung ganz alleine. Keine Hirten werden von den Engeln vom Feld hereingerufen, keine Himmlischen Heerscharen frohlocken, keine hölzernen vier Wände und kein Dach geben der Gebärenden Schutz. „O wäre ich doch zuvor gestorben und ganz und gar in Vergessenheit geraten“, klagt Maria laut Sure 19, Vers 23.

Doch kaum hat ʿĪsā ibn Maryam das Licht der Welt erblickt, geschieht schon das erste Wunder: Das Neugeborene spricht zu seiner Mutter und tröstet sie. Der Herr habe ein Bächlein geschaffen, das direkt an Maryam vorbeifließt. Daraus solle sie trinken, empfiehlt der Säugling seiner Mutter. Und zudem solle sie den Stamm der dürren Palme, an den sie sich bei der Geburt geklammert hatte, schütteln. Als Maryam dies tut, fallen frische, reife Datteln auf sie herunter. „So iss und trink und sei frohen Mutes“, sagt das Jesuskind zu Maria.

Nun wird es Zeit, dass die junge Mutter zusammen mit ihrem Sohn zu ihrer Familie zurückkehrt. Nach dem Koran muss sie sich nun zu Hause dem Verdacht seitens ihrer Verwandtschaft stellen, dass sie durch „Hurerei“ zu diesem Kind gekommen sei. Als sie mit dem Säugling auf dem Arm zu ihrer Familie kommt, wird sie nämlich entsetzt angesprochen und beschuldigt (Sure 19,27+28): „Maria! Da hast du etwas Unerhörtes begangen. Schwester Aarons! Dein Vater war doch kein schlechter Mann und deine Mutter keine Hure.“ – Auch in dieser Notlage erfährt sie göttliche Hilfe: Jesus beginnt, wie schon in Sure 3, Vers 46 prophezeit wurde, zu den Leuten zu sprechen. Durch dieses Wunder wird die Reinheit Marias bestätigt, ihre Ehre verteidigt und das Wunder der Jungfrauen-Geburt allen offenbar gemacht.

Während der Koran vom wunderbaren Reden Jesu in der Wiege erzählt, und davon, dass er als Knabe schon Vögeln aus Ton Leben einhauchen konnte, ist das Kind Jesus nach dem Zeugnis des Neuen Testaments äußerlich durch nichts von anderen Kindern zu unterscheiden. Als erwachsener Mann wirkt Jesus im Koran allerdings genau die gleichen Wunder, wie in der Bibel: Er heilt Blinde und Aussätzige und erweckt Tote wieder zum Leben.

Was das Neue Testament allerdings über die Herkunft und Bedeutung Jesu sagt, davon weiß der Koran nichts oder er bestreitet es: Trotz aller Wunder im Zusammenhang mit seiner Geburt ist Jesus im Koran weder der „Retter“ für Sünder, noch der Sohn Gottes. In Sure 19, Vers 35, steht explizit: „Es steht Gott nicht an, sich irgendein Kind zuzulegen.“ Unausgesprochen steht hinter dieser Formulierung das Missverständnis, wer von Gottes Vaterschaft rede, meine eine geschlechtliche Zeugung.

Der Gottessohn der Christen ist für Muslime der rasūlu ʾllāh: (Sure 4,157), der Gesandte Gottes, der Gesalbte, der Messias, ein wichtiger Prophet. Jesus wird im Koran als „Wort Gottes“ bezeichnet, aber niemals als der Sohn Gottes. Doch trotzdem achten und respektieren gläubige Muslime den Heiland der Christen als besonderen Menschensohn. Er ist qaul al-haqq, das „Wort der Wahrheit“ und er ist der ar-rūḥ al-qudus, der von Gott mit dem Heiligen Geist gestärkte.

Es ist für Muslime also kein Problem, mit Christen zusammen an Weihnachten die Geburt Jesu zu feiern, denn der Messias ist für Christen wie Muslime „mubārak“, gesegnet. Seine Ankunft auf dieser Erde als Menschensohn ist für beide Religionen ein Zeichen der Barmherzigkeit Gottes.“

Heige Kienle

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Karin&Manfred Hoppstock |

Nihal und Ezeldin kennen wir lange als engagierte, tolerante, immer hilfsbereite Freunde, und das nicht nur als Dolmetscher in mehreren Sprachen. Nun durften wir auch die "belesene" Tochter und die gastfreundlichen Nachbarn kennen lernen.
Ein Abend, der den Anwesenden gezeigt hat, das unterschiedliche Kulturen und Religionen Menschen nicht trennen müssen, sondern bereichern können...

Kommentar von Klaus und Marlies |

Einen ganz lieben Dank, Ihr seid eine Bereicherung für Ilten und für alle, die bei uns eine neue "Heimat" suchen.

Kommentar von Silke K. |

Ganz lieben Dank für das wundervolle Türchen mit vielen interessanten Details. Ein großes Lob geht noch an die vielen fleißigen Hände, die all die leckeren Köstlichkeiten zubereitet haben.

Kommentar von Stefan |

Vielen Dank für die Einladung und die Gastfreundschaft, es hat mir sehr gut gefallen und der Vortrag war sehr interessant, ich freue mich dass der Adventskalender wieder so viele Leute begeistert.

Kommentar von Christiane |

Beschwingt kehren wir von diesem wunderbaren Türchen heim, auch nachdenklich, vor allem aber dankbar! Dankbar dafür, dass es uns so gut geht und dankbar, weil wir Freunde sein können, ganz egal, ob und an wen wir glauben....

Kommentar von Annette Bartels |

Ihr habt uns viele gute Gedanken gegeben, die Mut machen. Ich freue mich, dass ihr in Ilten lebt und euch in die Gemeinschaft an so vielen Stellen einbringt. Danke